Donnerstag, 23. Februar 2012

„Davon haben wir nichts gewusst!“ - Buchbesprechung


Longerich, Peter:
„Davon haben wir nichts gewusst!“
Siedler Verlag 2006
448 Seiten
ISBN 3-88680-843-2


Das Thema ist der Massenmord an den Juden, das Buch ist ein nüchternes, wissenschaftliches Werk. Warum stelle ich es also in meinem Literatur-Blog vor? 

Anfang Januar war am Eingang der Stadtbücherei Freiburg der „Thementisch“ anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Ausschwitz mit Literatur zum Thema Judenverfolgung und –vernichtung bestückt. Peter Longerichs bereits 2006 erschienenes Werk versprach in der Einleitung die Auswertung bisher nicht erschlossener Quellen und die Beantwortung der Frage „welche Basis die Verfolgung der Juden innerhalb der deutschen Bevölkerung letztlich hatte“ (S.8). Wer hat was gewusst, wer konnte überhaupt etwas wissen? Hat die Großelterngeneration weggeschaut? Ich erwartete eine deutliche Antwort auf diese Fragen … und nahm das Buch mit.


Detailliert schildert Longerich die einzelnen Phasen der Judenverfolgung: der Boykott 1933, die perfide antijüdische Gesetzgebung, die Pogromnacht 1938, die Deportationen und schließlich der Massenmord. Er stellt dar, wie diese Eskalationsstufen der Judenverfolgung propagandistisch begleitet wurden. Phase für Phase wird die Aufnahme der antisemitischen Propaganda und der eskalierenden Aktionen des Regimes in der Bevölkerung analysiert. Dazu werden amtliche Stimmungsberichte, Gerichtsurteile, Tagebücher und zahlreiche weitere Quellen herangezogen. Quellenkritisch setzt Longerich sich mit den amtlichen Berichten auseinander und erklärt nachvollziehbar deren Interpretation.

Auch gibt Longerich schlüssige Antworten auf meine oben skizzierten Fragen und kommt zu folgenden Ergebnissen: Die Masse der Deutschen signalisierte keine Zustimmung zur barbarischen Politik des Regimes. Gleichwohl blieb diese Haltung angesichts der brutalen Repressionen des Regimes zumeist unterhalb der Grenze des Widerstandes oder des offenen Protestes, wurde aber mit zunehmender Radikalisierung der „Judenpolitik“ immer verbreiteter. Longerich führt hierfür den Begriff des „Unwillens“ ein, d.h. die grundsätzliche, aber nicht zu offensichtliche Weigerung der meisten Deutschen, die „Judenpolitik“ des Regimes mitzutragen.

Longerich zeigt auch deutlich, dass Hitler und die anderen führenden Nazis im Laufe des Krieges immer wieder die „Endlösung“ thematisierten und öffentlich von der „Ausrottung der Juden“ sprachen. Sie machten die „Endlösung“ zum offenen Geheimnis, und zwar mit der Absicht, die Deutschen zu Mitwissern an dem Jahrhundertverbrechen zu machen und so deren Kampfes- und Durchaltewillen („Kraft durch Furcht“) zu stärken. „Seit Mitte 1942 propagierte das Regime zunehmend – ein ungefähres Wissen um die Endlösung voraussetzend – und ganz offen, dass im Falle einer Niederlage in diesem Krieg die Juden den Deutschen das Gleiche zufügen würden, was diese ihnen angetan haben.“ (S.325) Aufgrund des „Unwillens“ der Bevölkerung wurde das Thema dann ab 1943 nicht mehr offen propagiert und die antisemitische Hetze zurückgefahren.

Longerich zeigt kenntnisreich und überzeugend, dass der durchschnittliche Zeitgenosse mehr wusste als er nach dem Krieg zugeben wollte, stellt aber zugleich fest, dass der Einzelne angesichts der Informationslage und der bezüglich der Details und des Gesamtausmaßes betriebenen Geheimhaltung kein Gesamtbild der Judenverfolgung bis hin zur Vernichtung in den Gaskammern für sich erstellen konnte … und schließlich auch nicht wollte, da er sich sonst eingestehen hätte müssen, Mitwisser eines Massenmordes zu sein. Der Verdrängungsprozess setzte also nicht erst 1945 ein, sondern schon während des Krieges.

Ein wissenschaftliches Buch, das unbegreifliche Geschehnisse nüchtern und sachlich analysiert. Ein notwendiges und leider allzu aktuelles Buch, das ich nur empfehlen kann.

Kommentare:

  1. wäre das was für deinen blog?

    "Der Volkskörper wird desinfiziert" - Die Euthanasiemorde der Nazis
    Wie Mendel und Darwin den Weg zu den systematischen Morden im Dritten Reich ebneten, zeigt ein Stück am Freiburger Theater.
    Anfang des 20. Jahrhunderts "bewies" der Freiburger "Heimatanthropologe" Prof. Dr. Eugen Fischer anhand der sogenannten "Rehobother Bastards" im damaligen Deutsch-Südwestafrika, daß der Mensch "Rassen" ausbildet; genau wie die Erbse nach den Mendelschen Vererbungsregeln. Diese "Rassentheorie" gepaart mit kaltem ökonomischen Kalkül und sozialdarwinistischen Ideen rechtfertig 30 Jahre später einen Massenmord: 1940 führten Ärzte und Bürokraten die Order des "Führers" aus, die Gesellschaft von sogenannten "Ballastexistenzen" zu befreien...
    Das Theaterstück wurde auf Initiative einer Realschullehrerin in Bad Krozingen entwickelt. Es sind SchülerInnen sowie Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige der Opfer miteingebunden.
    http://www.theater.freiburg.de/index/TheaterFreiburg/Start.html?SpId=43203

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  2. Vielen Dank. Mit Sicherheit ein interessantes Theaterstück.

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